Ein offener Brief von Frank Nickel

08.12.2017

Heute berichten wir über Fraktion und Drama. Ein offener Brief von Frank Nickel.

Was hat meine erste Fraktionssitzung mit dem Dramadreieck zu tun?

Natürlich kann man Kritik üben an Dingen, die nur schlecht oder schleppend laufen. Man kann aufdecken, was die anderen falsch machen. Dann ist man ein sogenannter Verfolger/Täter, wie es die Psychologie im sogenannten Dramadreieck nennt. Dies durfte ich in meiner ersten Fraktionssitzung der CDU hautnah bei einem eingeladenen Bürger miterleben. Er hatte eine lange Liste von Dingen, die er kritisierte. Es ging gegen die Politik und die Verwaltung unserer Stadt. Als ein Politiker Erläuterungen zu der geäußerten Kritik abgeben wollte, schlüpfte besagter Gast in die Rolle des Opfers, die weitere Möglichkeit im Dreieck. Der andere, in diesem Fall der Fraktionsvorsitzende, hatte Schuld. War also plötzlich Täter wider Willen. Als Täter kam besagter Bürger Kappelns, als Opfer (so muß er es wohl empfunden haben) ging er. Wer ist der Dritte im Dreieck?

Den nennt man dort Retter. Gerne hätte ich dem vermeindlichen Opfer gesagt: „Bleib, stell Fragen, hör aufmerksam zu und sammle eigene Erfahrungen. Komm in die Sitzungen und erlebe was dort passiert. Dann siehst du am Ende klarer und erlebst selbst änderbare und unveränderbare Dinge. Aber dazu kam es nicht. Vielleicht wäre ich in der aufgeladenen Situation auch schnell Opfer geworden. Wir alle kennen das sicher auch an uns selbst: Mal fühlen wir uns als Opfer, sind aber eigentlich die Täter. Mal sind wir Retter, und wenn dann Opfer und Täter sich zusammenschliessen, sind wir schnell das Opfer.

In der Politik/Verwaltung unserer Stadt kann man das auch beobachten. Nehmen wir zum Beispiel die geforderte Stelle der Verwaltung. Die Verwaltung fordert aufgrund von Überbelastung eine weitere Stelle. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber die zu recht geforderten Auflagen führt sie nicht durch. So wird sie vom Opfer (uns fehlt eine Stelle) zum Täter (um diese Stelle zu bekommen, müssen wir Auflagen erfüllen. Machen wir nicht). Und wenn die Politik dann nachfragt, in unserem Fall die CDU: „Wo sind die geforderten Nachweise?“, sind die eigentlichen Täter wieder die Opfer. "Die wollen uns keine weitere Stelle geben."

Vorsicht! So könnte es beim Bürger ankommen. "Die Politik blockiert." So ist es aber nicht. Wer Forderungen stellt, sollte auch das erfüllen, was ihm auferlegt wird. Dann klappt es meistens auch. Also, schauen Sie genau hin! Nicht immer ist das Opfer auch wirklich das Opfer. Manchmal sind gerade die sogenannten Opfer die Täter. Die Psychologie nennt das Dramadreieck ein Spiel. Mal ehrlich, lassen wir uns nicht auch manchmal auf diese Spiele ein?

Meine erste Fraktionssitzung war für mich ein Erfolg. Trotz des eher unschönen Zwischenfalls. Ich habe daraus mitgenommen: Schau genau hin. Versuche herauszubekommen worum es eigentlich geht. Dann bring dich ein, dort wo es angebracht erscheint. Ich würde mich freuen, wenn mehr „Beobachter“ in den Versammlungen (Hauptausschuss, Bauausschuss, Umwelt und Verkehr usw.) sitzen würden. Vielleicht sitzen Sie ja das nächste mal neben mir, stupsen mich in die Seite und sagen: „Guck mal, jetzt fühlt er sich wieder als Opfer, obwohl er der Täter ist.“

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen eine klare Sicht bei jedem politischen und „verwaltungstechnischen“ Wetter.

Frank Nickel